Thérèse de Dillmont

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Die heilige Theresia der HandarbeiterInnen

Vor ein paar Tagen hat meine liebe Tante Lore ein Kleinod unter ihren Schätzen ausgegraben und mir geschenkt: “Encyklopädie der Weiblichen Handarbeiten“.

Beigelegt war ein etwas vergilbter Zeitungsausschnitt, den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Geschrieben von einer Frau Prof. Dr. Marianne Stradal, offenbar Wienerin, die ich allerdings auf die Schnelle nicht auffinden konnte (MarieMarie, wäre interessant nachzuforschen, ob die Dame noch lebt, hat einige interessante Handarbeitsbücher in den 70er und 80er-Jahren veröffentlicht und auch Handarbeitssendungen für das Fernsehen verfasst).

Hier also die Biographie von Thérèse de Dillmont (leider konnte ich auch nicht eruieren, wann der Zeitungsartikel verfasst wurde):

Thérèse de Dillmont, ein Leben für die Handarbeit

(Copyright Dr. Marianne Stradal)

Der Klassiker der Handarbeit erschien 1886 unter dem Titel “Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten” in Mühlhausen im Elsaß. Im Anhang war das Produktionsprogramm der dort ansässigen weltbekannten Stickgarnfabrik aufgeführt. Als Autorin war Thérèse de Dillmont ausgewiesen.

Wie mag sie wohl ausgesehen haben, die große Kollegin von Nadel und Faden, die die Kenntnisse eines ganzen Lebens zu einem Buch zusammenfaßte? Merkwürdig, daß man so wenig von ihr weiß! Sicherlich war sie Französin, ein zierliches altes Fräulein mit handgestricktem Jabot. Ihr Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt.

Wer mag sie gewesen sein?

Auf einer Urlaubsreise ins Elsaß ergaben meine Nachforschungen eine überraschende Tatsache: Thérèse war Wienerin, sie hat nicht nur ihre Karriere in der Mühlhausener Stickgarnfabrik begonnen und dort ihr Buch veröffentlicht, sondern alle Handarbeitsveröffentlichungen dieser Firma trugen ihren Namen, und unter ihrem Namen wurden in mehreren europäischen Großstädten Handarbeitsgeschäfte eröffnet: 1885 in Paris, 1886 in Berlin und 1887 in London. Das 1884 in Wien hinter der Stephanskirche eröffnete Geschäft trug noch bis vor wenigen Jahren den Namen Dillmont

Ihre Werkstätte hatte sie in Dornach, ein einstöckiges Haus mit Anbau und Stallungen. Da saßen die Elsässerinnen in ihren Trachten und führten die Entwürfe ihrer gestrengen Chefin sorgfältig aus.

Eine moderne Frau

Thérèse de Dillmont war also kein zierliches altes Fräulein mit wackligem Kopf; diese Vermutung mußte ich gründlich revidieren. Sie war eine der wenigen modernen, berufstätigen Frauen der damaligen Zeit. Sie ritt täglich aus, trug ihr Haar kurz geschnitten und reiste sehr viel, besonders nach Paris. Ich hatte von einer erfolgreichen Frau auf der Höhe ihres Schaffens erfahren, von einer Wienerin, deren Kindheit und Jugend freilich im dunkeln lagen. Der Name de Dillmont führte in das Stadtarchiv in Wien.

Auf Spurensuche in Wien

Die Vorfahren waren österreichische Offiziere, und Thérèse war die jüngste Tochter des Majors Ferdinand Dillman de Dillmont. Er war Lehrer an der berühmten Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Der letzte Dillman de Dillmont war der Bruder der Thérèse. Er war k. u. k. österreichischer Feldmarschalleutnant gewesen.

In Mühlhausen hatte ich einen wichtigen Hinweis erhalten: Die Nachfolgerin der Thérèse war auch eine Wienerin, ihre Nichte, die sie schon mit 14 Jahren aus einer Klosterschule in Brünn zu sich geholt hatte. Aus den privaten Erinnerungen einer noch lebenden Verwandten dieser Nichte ergaben sich einige weitere Informationen: Daß Thérèse die Stickereischule besucht habe, daß sie mit ihrer Familie schwere Konflikte hatte wegen der Art des Geldverdienens und des Berufes, die sie gewählt hatte und die als unpassend galten für eine österrreichische Offizierstochter.

Ausbildung von Kaisers Gnaden

Achtzehn Jahre war sie, als ihre Mutter ein Gnadengesuch an Kaiser Franz Joseph um Beihilfe zur Erziehung ihrer Kinder richtete. Das Original dieses Gesuches fand sich im Heeresarchiv in Wien. Der Vater der Thérèse, der Major, war 1857 gestorben – damals war Thérèse gerade elf Jahre alt. Die Mutter zog mit den Kindern nach Wien und bat um Unterstützung für die Erziehung ihrer jüngsten Tochter zur Gouvernante und Lehrerin. 80 Gulden jährlich, drei Jahre lang, wurden bewilligt. Dieser Akt trägt die Originalunterschrift des Kaisers Franz Joseph. Und damit hatte meine Forschung wieder historischen Boden betreten.

Der Überlieferung nach hat Thérèse die im Jahr 1874 gegründete Stickereischule in Wien besucht. Diese Schule wurde von jungen Frauen aus aller Welt, von Moskau bis Chikago, besucht. Manche der jungen Damen wurden wieder Lehrerinnen in den neugegründeten Stickereischulen in Lemberg, Feldkirch und Hamburg.

Aus den Dokumeten des Heeresarchives geht hervor, daß Thérèse de Dillmont den Erziehungsbeitrag des Kaisers Franz Joseph bis 1868 bezogen hatte.

Karriere in Mühlhausen

Wie sie dazu kam, von einer Weltfirma engagiert zu werden, war nicht herauszufinden. Aber bei meinem zweiten Besuch in Mühlhausen klärte sich doch noch einiges. In einem kleinen verstaubten Büro traf ich einen alten Archivar, der sehr zurückhaltend war, aber meinem zäh eingesetzten österreichischen Charme erlag.
Er wußte zwar auch nicht, wer Thérèse engagiert hatte, aber er zeigte mir die Abschrift eines Anstellungsvertrages vom Oktober 1884. Er gab mir dann ein Foto der Zweiundvierzigjährigen: Ein strenger Scheitel und ein energisches Gesicht sind die charakteristischen Merkmale dieser Frau.

Heimliche Hochzeit

Aus den Papieren und den Erzählungen geht hervor, daß Thérèse de Dillmont 1890 während einer Kur in Baden-Baden gestorben ist, daß sie zum Schluß kränklich gewesen war und daß sie ohne Wissen der Firma im Jahr 1889 geheiratet hatte. Die Trauung fand heimlich in der Votivkirche in Wien statt.
Der Ehemann Josef Scheuermann war Kaufmann, und es gab schwere Auseinandersetzungen mit der Firma seinetwegen. Ich verstand nicht ganz, warum, bis ich später erfuhr, daß ihre Nachfolgerin im Vertrag eine Klausel hatte, die ein Heiratsverbot enthielt. Der Grund: Der Name “de Dillmont“, der so eng verknüpft war mit der Firma, durfte nicht plötzlich geändert werden.

In Wiener Neustadt, wo die kleine Thérèse zur Volksschule gegangen war, besuchten wir den Friedhof der Militärakademie, auf dem die Militärakademiker und Lehrer begraben liegen. Zwischen berühmten österreichischen Namen  fanden wir auch die Gruft der Dillmonts. Dort standen auf schwarzem Marmor die Namen: Ferdinand, der Vater, Franziska, die Mutter, die Geschwister Anna und Alexander, Ferdinand der Bruder und schließlich Thérèse:

Verfasserin der Enzyklopädie weiblicher Handarbeiten und diverser anderer Handarbeitsbücher, geboren am 10. Oktober 1846, gestorben am 22. Mai 1890, von Baden-Baden überführt und beigesetzt im Jahr 1909.

Hier endete eine Forschungsreise. Ich legte einige Rosen auf Thérèses Grab. Hier liegt sie also begraben, gar nicht weit vom Denkmal der berühmtesten österreichischen Thérèse, der Kaiserin Maria Theresia. Die Kaiserin war eine große Handarbeitsfreundin und hatte Stickschulen gegründet und so den Grundstein gelegt zur Ausbildung nadelkundiger Österreicherinnen, von denen eine hundert Jahre später das große Buch über die Handarbeiten schrieb…

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12 Kommentare

  1. Karin Koch 17. Juli 2012
  2. Dörte 9. Februar 2012
  3. nane 16. Oktober 2010
  4. Strickarin 6. September 2009
  5. bärbel 28. August 2009
  6. Laila 28. August 2009

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